Ohne Titel

Sechs Quadratmeter Angebot: Einmal Flohmarkt und nie wieder

Ein Samstagmorgen in Kempten: Landluft weht mir in die Nase, als ich die Allgäu-Halle bepackt mit Tapeziertisch und Umzugskisten betrete. Ich möchte alte Sachen auf einem Flohmarkt verkaufen. Ein Schlüsselbord, das ich nie benutzt habe, alte Skischuhe – solche Sachen eben. Und hoffe natürlich, alles loszuwerden. Ein bisschen Taschengeld kann auch nicht schaden.

7 Uhr Standaufbau: Mit zwei Freundinnen teile ich mir die Verkaufsfläche von drei auf zwei Meter. Ich bin hochmotiviert. Ein potentieller Käufer interessiert sich gleich für meinen ausgemusterten Wanderrucksack. Noch top in Schuss. 15 Euro sind ihm aber zu viel. Er geht weiter. Ich schüttle den Kopf und hoffe auf dankbarere Kunden, die dieses Schnäppchen zu schätzen wissen.

8 Uhr: Fröstelnd gieße ich mir Tee aus der Thermoskanne in meinen Becher. Die Kälte steckt mir trotz Wintermantel in den Knochen. Ach ja, das Schlüsselbord inklusive Montage-Set habe ich für zwei Euro verkauft. Einen Artikel für mehr als 5 Euro zu verkaufen ist hier absolut unmöglich, habe ich das Gefühl.

9:10 Uhr: Pauschal nenne ich auf die Frage, wie viel ich für die Skischuhe, den Wander-Rucksack, etc. haben wolle, 5 Euro. Um eine Verhandlungsbasis zu schaffen, die nicht abschreckend wirkt. Selbst das ist den meisten zu viel und denken nicht mal ans Feilschen. Was ist denn los mit den Leuten?

9:30 Uhr: Kurze Erheiterung beim Besuch der Toilette in der Allgäu-Halle. Welcher Mastermind hat denn diese Kabinen konstruiert? Frau muss sich rechts neben die Klo-Schüssel quetschen, um die Türe hinter sich zu schließen. Ich habe das dringende Bedürfnis meine Kleidung auf 90 Grad zu waschen.

10:00 Uhr: Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt, da erkennt eine Freundin im Mann vom Trödelstand gegenüber, den Vater eines Kandidaten von „Raus aus den Schulden“ mit Peter Zwegat. Das Stöbern im RTL-Archiv lässt die Zeit ein wenig schneller verstreichen. Wir amüsieren uns ein wenig – bis mir bewusst wird, dass das Verkaufen auf dem Flohmarkt ein knochenharter Job ist. Und jeder dafür Respekt und auch Mitgefühl verdient, der das regelmäßig macht. Ich verstumme also gleich wieder.

10:30 Uhr: Juhu, die Standmiete ist drin. Ich überlege mir Pommes zu kaufen, die 2,50 Euro dafür sollte ich mir aber erst mal verdienen…

11:25 Uhr: Eine ältere Frau interessiert sich für ein Sommer-Spitzenkleid von Zara, das ich gerne getragen habe. Vor etwa fünf Jahren. Also, selbst ich habe das Gefühl, für den Mädchen-Look zu alt zu sein – mit 26. Die Frau, von geschätzt 60 Jahren, strahlt übers ganze Gesicht, als sie das Kleid kauft. Bewundernswert. Vielleicht kaufe ich mir nächsten Sommer wieder ein Klein-Mädchen-Kleid als Ersatz.

12:00 Uhr: Ich bin kurz davor, alles zu verschenken. Beziehungsweise, Leuten, denen es nicht mal wert ist, drei Euro für einen Norweger-Pullover mit Windstopper zu zahlen einfach an den Kopf zu pfeffern.

12:05 Uhr: Ich schwöre mir, nie wieder auf einem Flohmarkt etwas zu verkaufen. Meine Stand-Kolleginnen teilen sich mittlerweile ne Currywurst mit Pommes. Für Junkfood möchte ich mir mein sauer verdientes Geld nicht ausgeben.

12:30 Uhr: Ein nettes Pärchen kauft DVDs und unterhält sich ein wenig mit uns. Kurze Zeit macht es Spaß, hier zu stehen. Wenn doch nur mehr Besucher ein bisschen so wären wie die Beiden, denke ich mir. Der Idealist in mir ist scheinbar doch noch am Leben.

13:15 Uhr: Der Tee ist leer, mir ist kalt. Die zugige Luft und ein Blick auf den mageren Gewinn lassen mich schaudern. Wir entschließen uns zu gehen. Tapeziertisch und volle Umzugskisten nehme ich wieder mit nach Hause – inklusive Kuh-Duft.

FullSizeRender

Eine Kindergärtnerin – ein Stirnband

Es ist kurz nach acht. Mit meinem Patenkind an der Hand steige ich die Treppe zum Gruppenraum des Kindergartens hoch. Und dort sitzt sie am Miniatur-Basteltisch: Eine Frau von geschätzt Mitte 30. Mit Stirnband. Mit einem Stirnband, das jedem entgegen schreit, der es sieht: Ja, ich bin Kindergärtnerin –  kleine Bagger und Autos sind darauf.

Ist das ein Dress-Code für Erzieherinnen? So wie der aufgestellte Polohemd-Kragen bei Juristen? Ich blicke mich unsicher um, sehe aber bei den anderen Kindergärtnerinnen kein Stirnband auf dem Kopf. Gut, wenn sie es als „Berufskleidung“ während ihrer Arbeit mit den Kindern trägt, von mir aus – denke ich mir. Am nächsten Tag sehe ich sie damit auf der Straße.

So true…

Neulich auf dem Weg zur Arbeit

live simply

Urlaub wie er sein sollte

Urlaub ist Geschmackssache. Ich könnte keine Woche lang zwischen Frühstücks- und Brunchbuffett, Mittagessen und Nachmittagssnack, Abendessen und Mitternachtsbuffet hin- und hertingeln. Mir reicht nachts ein (Zelt-)Dach über dem Kopf.

Lieber den Rucksack mit mehr Sport- als Glanz- und Glamour-Klamotten packen, festes Schuhwerk und das Radel mitnehmen und die Gegend auf eigene Faust erkunden. Unabhängig von Essenszeiten, sein eigener Herr sein und den Tag gestalten, wie man gerade Lust hat. Bewusst Action wählen, statt sich den Bauch vollzuschlagen. Carpe diem und den Moment genießen – so hat man mehr davon. Oder erinnere ich mich noch nach einem Monat, welche Pastete nach dem Moussaka am 3. Urlaubsabend besonders gut geschmeckt hat? Also: Live simply ☺

DSCF2940

Das Glück der Erde liegt auf den Gipfeln der Berge

Eine 80-Jährige, die immer noch in die Berge geht. Die Frau hat alles richtig gemacht. Ich lernte sie nach einer Erstausstrahlung eines Dokumentations-Films im Oberstdorfer Kino kennen. Der Film zeigte den Umbau der Fiderepasshütte vor einem Jahr. Viele störten sich an der modernen Architektur, die mittlerweile bei vielen Hütten und Bergstationen in den Allgäuer Alpen zum Einsatz kommt. Darüber diskutierten die Zuschauer nach dem Film.

Die 80-Jährige meldete sich schließlich zu Wort und was sie sagte, war einfach, aber wahr. Sie geht immer noch regelmäßig in die Berge und zwar aus einem Grund: Um die tiefe Zufriedenheit zu spüren, die man in sich hat, wenn man einen Gipfel erklommen hat. Gleichzeitig erzählte sie von einem Erlebnis, das sie auf einer Berghütte vor kurzem hatte: Gäste beschwerten sich über angeblich nicht ganz saubere Teller und Essen, das fad geschmeckt haben soll. Aber auf was kommt es auf einer Hütte an? Auf ein Geschmacks-Erlebnis über 2.000 Metern? Von goldenen Tellerchen zu speisen? Wenn man eine ordentliche Tour hinter sich hat, ist der einfachste Landjäger eine Geschmacksoffenbarung.

Eine Hütte bietet Schutz vor Kälte und Dunkelheit, ein trockenes Plätzchen zum Schlafen. Vielleicht auch eine Gelegenheit auf Menschen zu treffen und mit ihnen einen Abend zu verbringen, der so im Tal nie stattfinden würde. Um glücklich und zufrieden zu sein, braucht es wenig.

Genügsamkeit und ein bisschen weniger Fokus auf Erste-Welt-Probleme würde uns manchmal allen gut tun. Damit beantwortet sich auch die Frage nach der Notwendigkeit einer futuristisch aussehenden Hütte auf dem Mont-Blanc ganz von selbst: Weniger ist manchmal mehr.

 

Foto

Das Grauen hat einen Namen: Umzug

Mein Leben passt in einen Transporter. Mit einer drei Meter langen und zwei Meter breiten Ladefläche. Sechs Quadratmeter gefüllt mit persönlichen Gegenständen. Manche davon wichtig, manche unwichtig. Sechs Quadratmeter persönliche Gegenstände finden ab jetzt Platz auf gut 40 Quadratmetern Wohnfläche. Chaos pur herrschte noch Anfang August, jetzt sieht die Wohnung immerhin nicht mehr nach Lager aus, in dem besoffene Logistiker kreuz und quer irgendwelche Kartons abgeladen haben. (Siehe Foto)

Ich kann es langsam Wohnung nennen, MEINE Wohnung. Noch fehlen Details wie hier der perfekte Vorhang, hier ein Verlängerungskabel, da eine nette kleine Lampe, aber es wird. Und jeden Tag geht es voran. Mir kommen Ideen, die ich entweder verwirkliche oder wieder verwerfe und irgendwann bin ich fertig. Bis zum nächsten Umzug. Ob dann mein Leben noch auf sechs Quadratmeter Ladefläche Platz findet?

Rettet die Schlecker-Frauen

Gerd Altmann / pixelio.de

Die Dogeriemarktkette Schlecker schließt heute die verbliebenen 2.800 Filialen in Deutschland. Um 15 Uhr schließen die Schlecker-Frauen die Läden endgültig zu – und haben damit keinen Job mehr.

„Die Armen“, dachten sich viele Politiker und machten das Thema vor einigen Wochen zum Gesprächsstoff Nummer eins in Deutschland. Schön, dass man mal über etwas anderes als die Eurokrise reden durfte. Also schlug die rheinland-pfälzische Sozialministerin vor, für die Schlecker-Mitarbeiterinnen ein Hilfspaket zu schnüren und ihnen zusätzlich speziell ausgebildete Leute bei der Arbeitsagentur zur Seite stellen, um sie zu beraten und zu retten. Man rettet ja heutzutage gerne – man nehme nur mal den Rettungsschirm als Beispiel.

Aber jetzt mal ehrlich: Was denken Politiker und damit die Öffentlichkeit  von den Schlecker-Frauen? Denken sie, dass alle unfähig sind, sich einen neuen Job zu suchen? Wenn eine Kassiererin ihr halbes Leben bei Schlecker gearbeitet hat, glaube ich, ist sie so ziemlich für alles gewappnet, was noch kommen mag. Erinnern wir uns an die prekären Arbeitsbedingungen und die Proteste gegen Lohndumpging bei Schlecker, die vor nicht allzu langer Zeit die Schlagzeilen der Zeitungen füllten.  Da wird die neue Stelle bei Edeka an der Kasse sicherlich wie Urlaub werden…

 

Trolltennis

Man sagt, dass jeder ein Ventil braucht. Einen Ausgleich, eine Aufgabe, in der man voll aufgeht. Der eine bastelt dann an Modellflugzeugen, der andere riecht an Blümchen und freut sich an der Natur, der nächste powert sich beim Sport aus und der wieder nächste hockt faul auf der Couch und sieht sich jedes EM-Spiel an.

Und dann gibt es da noch einen anderen Typ: Man erkennt sie im Alltag kaum. Sie sind friedliche Erdenbürger, heben nie die Stimme, richten nie ein Wort der Kritik an einen Mitmenschen. Aber auf dem Tennisplatz zeigen sie ein anderes Gesicht.

Es steht 0:3 für den Gegner, die Partie scheint im Moment aussichtslos – dann verlieren sie langsam die Fassung. Es fängt harmlos an. Sie bezeichnen sich selbst als „Idiot“ und schütteln nach jedem Ballwechsel den Kopf. Wenn der Ball zwei Mal hintereinander ins Aus geht und sie dann vor lauter Frustration nur noch Doppelfehler machen, schmeißen sie den Schläger. Vor lauter „Alles Kacke“-Einstellung geben sie dann Bälle aus, die eindeutig vom Band aus eine durchgehende Linie zeichnen – unsportlich, auf jeden Fall!

Aber auf dem Tennisplatz gelten andere Gesetze. Die Frustration bahnt sich einen Weg nach außen und dann wird auf Verluste keine Rücksicht genommen. Solche „Tennistrolle“, nenne ich sie jetzt einfach mal, verwandeln sich in in ihrer Wut zum Hulk. Selten kann dieser Typ Tennisspieler die Partie noch einmal drehen – außer der Gegner lässt sich von den cholerischen Anfällen aus der Fassung bringen.

Das ist allerdings eher selten der Fall. Denn von außen und als Gegenüber eines solchen Tennistrolls kann man meist innerlich nur lachen und denken „der befördert sich von ganz allein ins Aus“.

Am Samstag geht sie wieder los

die Masseneuphorie um die EM 2012. Leute, die sonst nie Fußball gucken entwickeln sich zu Hardcore-Fans mit aufgemalten Deutschlandfahnen auf den Wangen. 14 bis 20-jährige Mädels greifen zu Schere, Nadel und Faden und stellen sich in allerletzter Sekunde Miniröcke und Tops aus Deutschlandflaggen aus dem 1 Euro-Laden um die Ecke her.

Gefühlt jede Kneipe in der Stadt bietet ein Public Viewing an, auch wenn die Platzverhältnisse den Servicekräften nicht mal an einem normalen Abend genügend Bewegungsfreiheit einräumen. Egal! Hauptsache, es wird drinnen schön abgestanden warm, damit das Bier auch in Strömen fließt. Wildfremde Leute jubeln miteinander und trocknen sich gegenseitig die Tränen.

Diskotheken oder auch Konzerthallen nutzen den Hype um die Deutschland-Spiele und locken die Massen zum Rudelgucken. Darin versammeln sich dann alle, die sich das ganze restliche Jahr mit fußballerischem Halbwissen vor anderen Leuten blamieren würden.

Beim Massengucken ist das egal. Das Publikum stöhnt und pfeift kollektiv, wenn der Jogi diesen Spieler auswechselt oder jenen Spieler ein. Für kurze Zeit fühlt man sich bestätigt, als Teil des Ganzen. In etwa so, wie ein Ed Hardy-T-Shirt-Träger X einen Song auf Bayern 3 hört und dann in dieser unsäglichen Disko bei der nächsten House-Party hört und  Ed Hardy-T-Shirt-Träger X sich denkt, er sei total hip.

Mainstream-Mucke hören und Rudelgucken – hätte nicht gedacht, dass das in einem Zusammenhang steht.

Finale dahoam verloan!

„Und, auch schon gespannt auf heute Abend?“ – „Naja, so halb. Ich bin Gelegenheitsfußballgucker, müssen Sie wissen!“ Entsetzter Ausdruck auf dem Gesicht meines Gegenübers und schon habe ich alle weiteren Kommentare zum großen Thema „Champions League“ und dem vermaledeiten „Finale dahoam“ im Keim erstickt.

Ich denk mir nur „Gott sein Dank!“ und überlege mir eine Beschäftigungstherapie, mit der ich an diesem Samstagabend über die Runden komme. Auf dem Programm: Ein gemütlicher Grillabend mit Freunden. Das restliche Bier von vergangenem Wochenende kommt mit, alles weitere ergibt sich vor Ort.

Nach der zweiten Flasche steige ich auf Wein um. Der edle Tropfen im Plastikbecher versüßt mir den Abend. Nach dem dritten Becher fängt die Bierbank unter mir das Schwanken an. Ich habe alle meine Freunde lieb und die elf Freunde auf dem Fußballplatz sowieso.

Nach dem Ausgleichstreffer lichtet sich der Nebel in meinem Kopf, die Stimmung kippt, die Bierbank auch. Alle schauen gebannt auf den Bildschirm und knabbern an ihren Fingernägeln. Für kurze Zeit verstehe ich die Reaktion im Bayern-Publikum und denke an meine Schwester, die die Live-Übertragung auf der Theresienwiese in München miterlebt.

Dann ist dieses Gefühl auch wieder weg. Ich bin wieder nüchtern, der Wein ist leer, die Bayern haben verloren und ich trete hinaus auf die Straße. Still liegt sie da, keine Fangesänge sind mehr zu hören. Finale dahoam verloan!